»Bleib stehen!«
Das cremefarbene Alpaka galoppierte weiter, als hätte es Milos Stimme gar nicht gehört.
»Pepper, ich schwör's dir …«
Milo sprintete hinterher, seine Füße klatschten über das taufeuchte Gras. Die kleinen Steine in seiner Hosentasche klackerten. Er stolperte über eine Wurzel, fing sich gerade noch ab. Das Alpaka hatte einen riesigen Vorsprung.
So wird das nichts. Milo blieb stehen. Er schloss die Augen und suchte die kleine Delle in der Luft, die Pepper hinterließ. Dann konzentrierte er sich auf das Pochen in seiner Brust und fand das surrende Gefühl von Energie. Nicht zwingen, nur etwas lenken. Die Luft verdichtete sich und strömte Pepper hinterher wie eine unsichtbare Welle. Legte sich um das Alpaka wie ein weiches Kissen.
Pepper stolperte. Drehte sich verwirrt um. Und schnaubte vorwurfsvoll.
Hui, hat geklappt. Ein Grinsen breitete sich auf Milos Gesicht aus. Er atmete tief durch, seine Hände zitterten leicht. Ob vor Anstrengung oder Aufregung, wusste er nicht genau.
»Selbst schuld.« Er ging zu Pepper hinüber. Der Luftwiderstand nahm ab. »Aber wir können auf dem Rückweg bei deinem geliebten Haselnussbaum anhalten, ok?«
Pepper schnaubte nochmal, dann stupste sie ihn versöhnlich in den Rücken.
Die anderen Alpakas grasten friedlich bei den Brombeersträuchern, als wäre nichts gewesen. Nur Lissy, die Leitstute, hob den Kopf und warf Pepper einen funkelnden Blick zu. Typisch, schien sie sagen zu wollen. Milo ging zu ihr. »Sei nicht so streng mit Pepper. Sie ist halt neugierig«, murmelte er und kraulte Lissy hinter dem Ohr. Sie ließ es sich gefallen, kaute aber unbeirrt weiter.
Der Rest des Nachmittags verlief ruhig. Milo lag im Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und beobachtete das Treiben über sich. Das Gebilde oben links sah aus wie sein Vater beim Wolkenverschieben. Gefolgt von einer Dampflok, die winzige Kumuluswolken schnaufte. Er beobachtete, wie sich die große Wolke rechts langsam verformte, ausdehnte und wieder zusammenzog. Seine Mutter war wohl dabei, die warmen Luftströme nach Norden umzulenken.
Milos Magen knurrte beim Anblick des blauen Himmels, aber er ignorierte es. Ausnahmsweise. Bei Milo verwandelten sich Farben in Gerüche und Gerüche nahmen bunte Formen an. Synästhesie war normal auf Panelima. Aber Milo hatte noch niemanden getroffen, bei dem der blaue Himmel auch nach frisch gebackenem Brot roch. Allerdings lebte seine Familie auf einer Bergspitze. Hier kamen selten andere Leute vorbei.
Eine Brise strich über die Weide. Ein Grashüpfer sprang von Milos Arm auf seine Schulter, landete auf seinem Kopf und kackte ihm auf die Nase. Milo schnellte hoch. Prustete und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
Dann sah er den Horizont. Die Sonne stand schon tief. Verdammt. Schon wieder verschlafen. Kein Wunder, dass sein Magen knurrte.
Seine Beine brannten, als er den steilen Sandweg hinab sprintete. In der Ferne thronte die Glaskuppel der Wetterstation auf ihrem Felsvorsprung, halb in den Berg gebaut. Die Jalousien waren heruntergelassen und die Dachluke geschlossen. Natürlich. Mama war längst fertig.
Er bog ab und kam schlitternd am Hintereingang ihrer Wohnhöhle zum Stehen. Sein Blick streifte das Bäumchen neben dem Mauervorsprung. Wie immer schimmerten die kugeligen Ahornblätter hell an den Rändern. Milos Herzschlag beruhigte sich. Er tastete nach dem grünen Kristallanhänger an dem Band um seinen Hals.
Die Holztür quietschte leise, als er sie öffnete. Er trat auf einen weichen Moosteppich und zog sein Shirt zurecht. Sonnenlicht fiel schräg durch die großen Fenster, tauchte alles in ein warmes Orange. Überall rankten Pflanzen aus Nischen in den Wänden. Farne, deren Wedel über die kühlen Steine krochen, blühende Kletterstauden und Kräuterpflanzen in Tontöpfen, die sein Vater regelmäßig kahl rupfte.
Es roch nach frischer Erde und nach Grüntönen. Also für Milo nach gebratenen Eiern.
»Ah, da bist du ja!«, rief Papa und drehte sich zu ihm um. Er stand am Herd, sein Gesicht war rot von der Hitze. »Wasch dir bitte die Hände, Milo. Gleich gibt's Essen.« Er schwenkte den Kochlöffel in Richtung Waschbecken.
»Was gibt's?«
»Auflauf. Und gefüllte Äpfel mit Kürbismus. Opa bringt welche mit aus –« Die Tür schwang auf. Papa verstummte.
Omas Lavendelduft erfüllte den Raum, noch bevor Milo sie sah. Dann war sie schon bei ihm angekommen und umarmte ihn überschwänglich.
»Milo-Schatz! Wie groß du schon wieder geworden bist!«
Sein Kopf wurde in ihr leuchtend gelbes Halstuch gedrückt, er nuschelte: »Ich war doch erst vor zwei Wochen bei euch, Oma.«
»Und trotzdem!« Sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. Musterte ihn lächelnd.
Opa schloss die Tür und stellte einen Korb mit Äpfeln auf den Tresen. Er gab Strike einen Klaps auf den eckigen Hintern. Der Transpobot setzte sich schnaufend erneut in Gang, seine Gelenke summten bei jedem Schritt. Eine Art mechanischer Esel der ersten Generation, laut und rumpelig, aber irgendwie gehörte er halt zur Familie. Strike trottete gehorsam in die Ecke zu den Farnmatten, lehnte seine Flanke gegen das Wandpaneel und schaltete in den Lademodus.
»Hier, für dich.« Oma drückte Milo ein quietschbuntes Päckchen in die Hand. Sofort explodierten die Farben in seinem Kopf. Erdbeeren. Warmer Sand. Die blauen Rauten auf dem Papier rochen eher nach altem als nach frischem Brot. Tolle Kombi. Er kräuselte die Nase und riss das Papier herunter. Zum Vorschein kam ein verzierter Setzkasten aus Holz. Mit lauter kleinen Fächern, sorgfältig geschliffen und geölt.
»Für deine Steinsammlung«, sagte Oma und ihr Lächeln wurde weicher. »In deinen Hosentaschen wird's langsam eng.«
Milo umarmte sie. Lavendelduft hüllte ihn wieder ein. Opa strich über die Flicken an seiner rechten Hosentasche und zwinkerte ihm zu.
Kurz darauf duftete das ganze Untergeschoß nach leckerem Kürbisauflauf. Während Oma die gefüllten Äpfel in den Ofen schob, verteilte Milo Löffel und tiefe Teller.
Mama hatte sich zu Opa auf die Eckbank gesetzt und schenkte ihm Jasmintee nach. »Ich soll im Frühjahr in Acrop helfen. Sie bauen eine Sternwarte in das Planetarium, oben auf den großen Turm am Fluss.«
»Also in der Kristallmanufaktur?« Opa nahm einen kleinen Schluck. »Wer ist denn dort zur Zeit Direktor?«
»Meister Ginto. Führt den Betrieb schon seit über zwanzig Jahren. Die Manufaktur soll sein ganzes Leben sein.«
»Aha, also ein waschechter Junggeselle?«, fragte Opa und fixierte das dampfende Getränk in seiner Hand.
»Nein, er hat Familie«, sagte Mama. »Seine Frau und er haben zwei Söhne, der jüngere ist wohl in Milos Alter. Timucin, glaube ich.« Sie drehte sich zu Milo. »Vielleicht lernst du ihn ja kennen, wenn ihr mich im April besucht.«
Opa senkte den Blick und stellte die Tasse ab. Seine Hand zitterte. Nur ein bisschen. Aber Milo sah es.
Die Gartentür wurde aufgestoßen.
»Ab morgen gibt's endlich was anderes als Kürbis!« Papa schwenkte einen Korb mit glänzenden Karotten. Er stellte ihn schwungvoll auf den Tresen. »Hab mich ordentlich ins Zeug gelegt«, er zwinkerte Milo zu. »Naja, nicht ganz so ordentlich, wie du.«
Mama lachte. »Wie lange willst du ihm die Sache mit dem Kürbis denn noch vorhalten?«
»Was ist denn passiert?«, fragte Oma.
»Unser Sohn hat letzte Woche einen Kürbis so stark wachsen lassen, dass das Ding buchstäblich geplatzt ist. Wir haben uns tagelang von nichts anderem ernährt. Kürbissuppe, Kürbislimo, Kürbiskuchen …«
Oma lachte auf. »Herrlich! Das erklärt so einiges.«
»Der sah halt …« murmelte Milo, ihm wurde heiß. »irgendwie bedürftig aus.«
Seine Großmutter grinste und tätschelte ihm den Arm. »Mach dir nichts draus. Vitalsyntagie ist bei mir auch nicht so gut ausgeprägt. Und am unberechenbarsten«, flüsterte sie ihm zu. »Offenbar kommst du da nicht nach deinem Großvater. Bilenko könnte stundenlang dem Gras beim Wachsen zuhören.« Sie warf Opa einen liebevollen Blick zu.
Milo fiel ein, dass er noch gar nicht erzählt hatte, wie er Pepper erfolgreich mit Luftsyntagie aufgehalten hatte. Seine Oma lauschte aufmerksam. Sie nickte und zog dabei die Augenbrauen hoch. »Sehr gut Milo, hab ich dir doch gesagt. Wenn Du einmal gespürt hast, wie Du den Druckunterschied findest, dann ist es ganz leicht.«
Er biss sich auf die Zunge. Seine Großmutter hatte gut reden. Sie hatte eine besondere Form der Synästhesie. Ihr Gehirn ersann Melodien, wenn unterschiedliche Moleküle aufeinander trafen. Egal ob bei festen, flüssigen oder gasförmigen Erscheinungsformen. Natürlich fiel es ihr so leichter, lose Luftpartikel zu finden und zu verbinden. Sie war eine wirklich eindrucksvolle Luftsyntagierin.
Nach Oma kam er also auch nicht.
Vier Jahre später war es soweit – Milo würde diesen Sommer mit anderen Jugendlichen seines Alters seine Orientierungsreise durch Panelima absolvieren. Deshalb verabschiedete er sich schon früh am Morgen von den Alpakas und von seinen Eltern.
Dann machte sich auf den Weg.
Die ersten zweieinhalb Stunden vergingen im gleichmäßigen Rhythmus aus Schritten, knackenden Wurzeln und raschelnden Blättern. Der Wald wurde immer dichter und dunkelgrüne Farngeflechte schwangen sich wie Luftwurzeln von Ast zu Ast. Bis auf einen Specht, der in der Ferne gleichmäßig hämmerte, war es ruhig und friedlich. Milos Konzentration richtete sich nur auf den nächsten Tritt und die nächste Stolperfalle und so sorgte die Wanderung bald dafür, dass sein Herz ruhig und gleichmäßig schlug und sein Kopf sich frei und leer anfühlte. Vielleicht lag es auch an der Minzsalbe, die er sich unter die Nase gerieben hatte. Sicherheitshalber, hatte sein Vater gesagt.
An einer Quelle machte Milo kurz Pause. Das Wasser war klar, kalt und sprudelte zwischen moosbedeckten Steinen hervor. Schnell zog er seine Schuhe aus und tauchte seine warmen Füße in die kalte Strömung. Besser. Mit der linken Hand spritzte er sich etwas Wasser ins Gesicht und nahm ein paar große Schlucke. Nicht lange und er konnte seine Zehen kaum noch spüren.
Seufzend zog er die Schuhe wieder an. Als er nach seinem Hoodie griff, um ihn wieder über dem Rücken zu verknoten, kullerte etwas aus der Fronttasche auf den Boden. Milo bückte sich, seine Augen schweiften über den waldigen Untergrund. Was war das gewesen? Mit den Händen tastete er die Erde ab. Unter einem Blatt entdeckte er einen kleinen runden hellbraunen Stein. Mit winzigen goldenen Sprenkeln. Milos Herz machte einen Hüpfer. Sein Lieblingsstein. Der erste Talisman, den er zusammen mit seinem Opa auf einer ihrer langen Walderkundungen gefunden hatte. Und den er seit damals so oft zwischen seinen Fingern gerieben hatte, dass seine Oberfläche mittlerweile spiegelglatt war.
Breit grinsend steckte er ihn in seine rechte Hosentasche. Wie genau der Stein in seinen Pullover gekommen war, konnte er sich nicht erklären, aber es war ihm auch egal. Pfeifend schnallte er seine Gürteltasche um, wandte sich der Sonne entgegen und folgte dem Pfad Richtung Süden.
Bald veränderte sich die Landschaft. Der Wald wurde lichter, die Bäume niedriger und windschiefer. Zwischen den Stämmen blitzte das Meer auf, silbrig und unruhig. Der Weg machte eine Biegung und schlängelte sich jetzt an den Felsklippen entlang, gut fünfzig Meter über dem Wasser. Der Wind pfiff in Milos Ohren und schmeckte nach Salz. Und dann roch er es.
Kekse.
Frisch gebackene, süß-klebrige Butterkekse.
Er kräuselte die Nase und versuchte an seiner Oberlippe zu schnuppern. Die Minzsalbe war weg, wahrscheinlich bei der Quelle abgewaschen. Ihm war bisher gar nicht aufgefallen, dass er wieder die normalen Farben und Gerüche seiner Umgebung wahrgenommen hatte. So richtig nachvollziehen konnte er Papas Argumentation immer noch nicht.
Da war es wieder. Keksgeruch.
Milo sah sich um. Zerklüftete Felsen, kreischende Möwen, das endlose Grau des Meeres. Perfekter Ort für eine Bäckerei.
Milo trat näher an den Rand der Klippe und spähte übers Wasser. Nichts. Nur ein paar Schwalben und das Geräusch der Wellen, die gegen die Felsen klatschten. Der Geruch wurde stärker. Petrolfarbene Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen, klein wie Sandkörner, aber hartnäckig. Er ging in die Hocke und krabbelte zum Rand. Der Felsen war rau und mit dornigen Flechten überzogen, der Wind peitschte ihm ins Gesicht.
Vorsichtig beugte er sich vornüber und betrachtete die Schaumkronen, die über das Meer hüpften. Dann, ein Laut. Ein leises Piepen, fast vom Wind verschluckt. Verzweifelt. Dünn.
Milo legte sich flach auf den Bauch und robbte ein Stück weiter vor.
Da. Einen Meter unter ihm hing ein Vogel in einem Gewirr aus Plastikfäden. Das Netz war petrolfarben, natürlich war's das, und hatte sich um eine dicke Wurzel gewickelt, die aus einer kleinen Felshöhle ragte. Drinnen befand sich wahrscheinlich das Nest. Der Vogel hatte sich wohl beim Rauskommen verfangen.
Eine Trottellumme. Schwarz-weiß, gedrungen, und so wie sie hier im Netz hing, machte sie ihrem Namen gerade alle Ehre.
Okay. Wird schon gehen. Milo schob sich noch ein Stückchen weiter vor. Seine Finger krallten sich in den Fels, sein Oberkörper ragte jetzt halb über die Kante. Unter ihm: endloses Nichts, dann Felsen, dann schäumendes Meer.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Vielleicht könnte er die Fäden auch per Vitalsyntagie von der Wurzel lösen. Er müsste sich nur so weit vorbeugen, dass er mit einem seiner Finger den oberen Teil des Wurzelgeflechtes berühren konnte. Dann ein wenig Energie sammeln, durch die Fasern schicken und dann? Sollte die Wurzel sich nach oben biegen? Ohne, dass der Vogel dabei samt Netz versehentlich in die Tiefe stürzte? Nein, lieber nicht.
Milos Kristall baumelte an seiner Halskette unter ihm, das Grün nahm langsam einen gelblichen Ton an. Milo steckte ihn schnell unter sein Hemd, den durfte er auf keinen Fall verlieren. Dann schob er sich noch ein Stück vor, hielt den Atem an und streckte den Arm aus. Zu weit weg.
Zentimeter für Zentimeter kroch er weiter. Bloß nicht nach unten gucken. Nur auf den Vogel. Mit den Hüften lag er jetzt am Rand, seine Hand berührte das Netz.
Fast. Ausgerechnet heute waren seine Arme zu kurz.
Die Trottellumme geriet jetzt komplett in Panik. Sie piepste schrill und verzweifelt, zerrte an dem Netz und schlug so gut es ging mit den Flügeln.
Der nervige Keksgeruch wurde immer stärker. Süßlich und warm schnürte er ihm die Kehle zu. Petrolfarbene Kleckse versperrten ihm die Sicht. Er blinzelte. Sein Schwerpunkt kippte nach vorne.
Stopp! Konzentrier dich. Nicht abstürzen. Nicht. Heute.
Milo streckte sich erneut und griff zu. Diesmal schloss sich seine Hand um Vogel und Netz gleichzeitig, dann um die Wurzel. Er zog. Einmal. Zweimal.
Das Netz gab nach, löste sich von der Wurzel, und er zog alles – Vogel, Plastik, Keksgeruch – zu sich hoch. Geschafft. Langsam robbte er rückwärts. Seine Ellbogen wurden aufgeschürft, seine aufgerissenen Augen tränten vom Wind. Endlich lag er sicher ein Stück vom Rand entfernt auf dem Bauch. Der Vogel, immer noch im Netz, lag in seiner Hand. Milo setzte sich auf und atmete tief ein und aus. Seine Hände zitterten ein bisschen.
Die Trottellumme blickte ihn aus dunklen Knopfaugen an, den Kopf schräg gelegt. Sie hatte aufgehört, so panisch zu fiepen.
»Okay«, sagte Milo. »Jetzt kriegen wir dich hier raus.«
Er fing an zu summen. Irgendein altes Kinderlied, dessen Text er längst vergessen hatte. Seine Finger nestelten an den Plastikfäden. Die Trottellumme hielt still. Gut. Sie verstand.
Faden für Faden löste er die Knoten. Es dauerte, aber Milo übte sich in Geduld. Und das Summen half wirklich. Ihm oder dem Vogel, da war sich Milo nicht sicher. Vielleicht beiden.
Endlich, der letzte Knoten gab nach. Frei.
Die Trottellumme saß in seiner offenen Hand und sah ihn immer noch an. Milo nickte ihr zu. Vorsichtig breitete sie ihre Schwingen aus, machte einen Hüpfer und erhob sich in die Luft. Erst wackelig, dann immer sicherer schlug sie mit ihren Flügeln auf und ab. Eine Windböe erfasste das Plastiknetz in Milos Schoß. Es kullerte Richtung Meer und bevor Milo reagieren konnte, war es schon am Rand des Felsens.
»Nein, warte –«
Zu spät. Über die Kante und weg.
Die Trottellumme kreiste einmal über der Klippe, verschwand über dem offenen Meer und ließ einen dicken, weißen Klecks in die sich kräuselnden Wellen fallen. Top Statement.
Milo rieb den restlichen Dreck von seinen Handflächen. Auf dem Boden neben sich entdeckte er einen kleinen Stein. Sah aus wie ein Kegel, daumengroß und schwarz-weiß gemustert. Wie der Vogel.
Milo legte den Kopf schief. Ein zweiter Talisman könnte nicht schaden. Er steckte den Stein in die Hosentasche und stand auf.
Grinsend klopfte er sich den Staub vom Körper und nieste kräftig. Moment mal. Der Geruch war weg.
Er hob den Kopf. Nichts. Nur Wind und Salzgeschmack.
Milo ging zurück zum Rand und beugte sich langsam vor. Da, das Netz hatte sich erneut an der Klippe verhangen und baumelte einige Meter tiefer an einem Felsvorsprung, die petrolfarbenen Fäden flatterten im Wind. Und jetzt war auch der Keksteig wieder da. Süßlich. Warm.
Milo richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Der Geruch verschwand. Das war … okay. Normalerweise funktionierte das so. Keine Farbe in Sichtweite, also kein Geruch. Aber vorhin hatte er den Keksteig gerochen, bevor er das Netz gesehen hatte. Der Geruch war plötzlich da gewesen. Mitten auf dem Pfad. Erst dann war er zur Klippe gegangen. Erst dann hatte er das Netz entdeckt.
Das ergab keinen Sinn. Oder doch? Vielleicht hatte er das Netz nur nicht richtig wahrgenommen? Ein petrolfarbener Fetzen, der irgendwo am Rand wehte und den sein Gehirn unbewusst registriert hatte?
Musste so sein.
Milo schob seine Gürteltasche wieder auf den Rücken und drehte sich dem Steinweg zu. Er sollte sich besser ein wenig beeilen. Gustav und Tim würden bestimmt nicht ewig auf ihn warten. Und ehrlich gesagt freute er sich darauf, ihnen von der Trottellumme zu erzählen. Das war eine ziemlich gute Geschichte.
Aber während er weiter ging, den Pfad entlang, der sich in gemächlichen Biegungen von den Klippen wegschlängelte, blieb da dieses kleine, nagende Gefühl. Der Geruch war da gewesen, bevor das Netz in Sicht war.
Fast so, als wüsste seine Synästhesie mehr als er selbst.
Milo hatte sich die Volantur immer als strukturiertes Pflichtprogramm vorgestellt. Was er sich nicht vorgestellt hatte: Elani. Und Dylan schon gar nicht.
Aber in den letzten Tagen war viel passiert und mittlerweile konnte er sich so einiges vorstellen.
Die Magnetschwebebahn glitt lautlos über gelbe Felder und graue Hügel. So lautlos, dass Milo sich manchmal fragte, ob sie sich überhaupt bewegte. Er hatte den Kopf gegen die kühle Scheibe gelehnt und beobachtete, wie die Landschaft allmählich grüner wurde. Vereinzelte Wälder verschwammen zu grünen Streifen, und ab und an stoben Vögel aus den Baumwipfeln empor, als hätte jemand kräftig am Stamm gerüttelt.
Er dachte an die Trottellumme vor zwei Tagen. Und an Tim. Der war heute schon sehr früh aufgebrochen, Gruppe 5A reiste nach Topemo, das ziemlich weit im Norden lag. Tim hatte neben Milos Bett gestanden und ihn an der Schulter gedrückt. Ein kurzes beidseitiges Nicken, dann war Tim mit drei langen Schritten an der Zimmertür gewesen und verschwunden. Gruppe 5B, der Milo angehörte, war nun auf dem Weg nach Myzant, das tief im Regenwald von Panelima lag. Der Rest der Gruppe hatte als erstes den Speisewagen gestürmt, aber Dylan und er hatten sich lieber ein leeres Abteil gesucht.
Milos Kopf schwirrte immer noch von den Einstufungstests und dem aufregenden Baumritual gestern Abend. Gruppe 5B, Selbstfinder. Bei ihnen hatte der Baum in tiefem, satten Rot geleuchtet und Milo fragte sich, ob er sich die Wärme der Baumrinde vielleicht nur eingebildet hatte.
Ein lautes Gähnen unterbrach seine Überlegungen. Dylan saß ihm gegenüber, die Beine hochgezogen, den Kopf auf die Knie gestützt. Ihre Augen waren halb geschlossen. »Wie lange noch?«, murmelte sie.
»Wir sind gerade erst losgefahren, Dylan.« Milo zog eine Augenbraue hoch.
»Jaja.« Sie gähnte nochmal ausgiebig. »Also ich bin mehr als bereit für mein eigenes Bett. Das Zimmer in Bolyn war schon okay, aber …« Eine vage Handbewegung. »Zu viele Leute. Zu viele Geräusche. Zu viele Leute, die Geräusche machen.«
Die Abteiltür glitt auf. »Darf ich?« Eine vertraute Gestalt stand auf der Schwelle, das Cape wickelte sich um ihre Knie.
Milo fuhr hoch. »Elani?«
»Du hier? Wir dachten, du wärst –« Dylan war schlagartig munter. »Ich meine, nach gestern Abend …« Sie rutschte zur Seite, obwohl eigentlich genug Platz war.
Elani ließ sich auf die Bank fallen, ein schiefes Lächeln im Gesicht.
Milo lehnte sich vor. »Was ist passiert?«, fragte er.
»Was hat Nana Suri gesagt?«, wollte Dylan wissen.
»Mein Profil sei komplex.« Elani zog einzeln ihre Finger lang. Der Zeigefinger knackte leise. »Die Testergebnisse waren wohl eher uneindeutig, weil meine Lösungsansätze anscheinend nicht dem ›Profil einer Jugendlichen‹ entsprachen. Das kommt häufiger vor, als man denkt, meinte Nana Suri. Und dann hat sie noch was von kognitiver Reife gesagt. Und von dem Niveau chronologisch älterer Personen gesprochen und der daraus resultierenden Diskrepanz zum alterstypischen psychosozialen Wachstumsprozess.« Elani zuckte mit den Schultern. »Kurzum, ich bin euch wohl allen ein gutes Stück voraus. Also durfte ich mir selbst aussuchen, welcher Gruppe ich mich anschließen will.«
Dylan lachte. »Das ist ja spitze.«
»Und es zeugt definitiv von ›kognitiver Reife‹, dass du unsere Gruppe gewählt hast«, grinste Milo.
Dylan nickte zustimmend. »Alles klar du Wunderkind, hat sie denn sonst noch was gesagt oder gefragt? Irgendwas, das man verstehen kann, auch wenn man noch kein Studium abgeschlossen hat?«
Elani nahm ihre Umhängetasche ab und verstaute sie im Gepäcknetz neben Dylans Rucksack. »Sie hat mir ziemlich viele Fragen gestellt. Woher meine Familie kommt. Wie viele Geschwister ich habe. Was meine Eltern beruflich machen, ob ich gern lese.« Sie runzelte die Stirn. »Ein wenig seltsam war es schon. Als würde sie nach etwas Bestimmtem suchen.«
»Und?«, fragte Milo. »Hat sie was gefunden?«
»Keine Ahnung. Aber dafür hab ich was gefunden.« Elani beugte sich vor und senkte die Stimme. »Sie ist irgendwann kurz rausgegangen. Und auf ihrem Tabalun ist eine Nachricht aufgeploppt.«
»Eine Nachricht?«
»Eher ein Rundbrief. Eine Warnung.« Elani sprach jetzt noch leiser, obwohl niemand sonst im Abteil war. »Nana Suri war kurz draußen, irgendein Mentor hatte ein Problem. Und das Tabalun auf ihrem Schreibtisch hat rot geblinkt. Ich musste einfach hinschauen.«
Milo richtete sich auf. »Du hast dir ihr Tabalun genommen?«
»Nur kurz.« Sie verzog unsicher den Mund. »War eh nur die Vorschau und ich hab nicht alles lesen können. Aber es klang ziemlich ernst. Irgendwas mit besorgniserregenden Auffälligkeiten. Merkwürdige Phänomene. Über ganz Panelima verteilt.«
»Auffälligkeiten?« Dylan runzelte die Stirn. »Was für Auffälligkeiten?«
»Keine Ahnung.« Elani biss sich auf die Lippe. »Hab mich nicht getraut, das Memo zu öffnen. Ich wusste ja nicht, wann sie zurückkommt.«
»Aber die Nachrichten sind doch sowieso verschlüsselt«, wandte Milo ein.
Ein unschuldiges Lächeln erschien auf Elanis Gesicht und ihre Augen funkelten kurz auf.
Dylans Mund öffnete und schloss sich. Dann grinste sie. »Soviel also zur ›kognitiven Reife‹.«
Elani zuckte mit den Schultern. »Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber mir reicht das Archiv aus dem Primus-Interrete nicht wirklich. Ich hab viel zu viele Fragen. Da muss ich manchmal einfach das Erwachsenennetzwerk meiner Eltern kapern.« Sie klimperte mit den Augen.
»Und was ist jetzt mit dieser Warnung?«, fragte Milo ungeduldig.
Elani holte tief Luft. »Das weiß ich auch nicht genau. Aber ich find's wirklich merkwürdig. Normalerweise sind Warnungen öffentlich, oder? Nur gemeinsam sind wir stark, Wissen schützt vor Torheit und der ganze Kram. Aber dieses Memo ist auf keinem der öffentlichen Infoboards aufgetaucht. Oder habt ihr was gesehen in letzter Zeit?«
Milo schüttelte den Kopf. Und verkniff sich ein Grinsen. Standen eh nicht so viele Infoboards auf seinem Berg rum.
»Vielleicht gibt es einen Grund dafür.« Dylan lehnte sich zurück. »Trotz der ganzen Transparenz und so. Ich glaube nicht, dass wir immer alles mitbekommen, was der Syntagische Rat so macht.«
»Stimmt. Aber ich finde, dass es definitiv nicht hilft, wenn ›besorgniserregende Auffälligkeiten‹ nicht öffentlich gemacht werden. Das lernen wir doch schon im Kindergarten.« Elani malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »›Zu viele Geheimnisse führen zu Misstrauen, und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis alle nur noch an sich selbst denken.‹ Ihr wisst schon.« Sie schüttelte den Kopf. »Also sollten wir doch alle ein Anrecht darauf haben zu erfahren, wenn es irgendwelche merkwürdigen Phänomene gibt.«
Milo nickte langsam. »Und vor allem, was für welche.«
»Konntest du nicht noch mehr sehen? Keine Orte, keine Details?«, fragte Dylan.
Elani schüttelte den Kopf. »Nur die Überschrift. Und die ersten zwei Worte darunter waren: ›Unsere Pflanzen‹. Um das Ganze blinkte dieser roter Rahmen.«
»Oje, Rot ist nie gut«, murmelte Dylan.
Milo strich mit seinen Fingern über seine Hosentasche, in der seine Steine lagen. Auffälligkeiten. Das könnte alles Mögliche sein.
Elani lehnte sich zurück und nahm ihren Ohrring mit dem tropfenförmigen Kristallanhänger ab. Dann zog sie ein Tabalun und eine kleine Schatulle aus der Innentasche von ihrem Cape hervor. »Ich hab mir heute früh noch das neueste Noma aus dem Infokasten beim Nachrichtenbaum geholt. Mal gucken, ob ich nicht doch irgendwo was entdecke.« Sie drückte das durchsichtige Infoharz aus der Schatulle auf ihren Kristall. Das Harz wurde biegsam und weich und innerhalb von ein paar Sekunden überzog es den kompletten Kristall, bis ihn eine dünne, glänzende Schicht umgab. So präpariert steckte Elani den Anhänger in die passgenaue Mulde oben auf ihrem Tabalun. Sie lehnte sich zurück und murmelte: »Das dauert jetzt bestimmt 'ne ganze Weile.«
Milo sah Dylan an. Dylan schaute zurück. Dann zuckte sie mit den Schultern, nahm sich einen Apfel aus ihrem Rucksack und polierte ihn an ihrer Hose.
Milos Magen knurrte.
»Unfassbar, Milo.« Dylan lachte laut auf und warf ihm auch einen Apfel zu.
Es klopfte. Die Schiebetür glitt auf.
Bilal, seit gestern Abend ihr offizieller Mentor, erschien im Türrahmen. »In einer Viertelstunde gibt's Mittagessen. Im Speisewagen, ganz vorne«, sagte er freundlich. Und dann: »Darf ich euch kurz was fragen?«
»Klar«, sagte Dylan.
Bilal kam herein und schloss die Tür hinter sich. »Habt ihr gestern bei der ersten Prüfung im Wald irgendwas Ungewöhnliches gehört?«
Elani legte ihren Kopf schief. Milo schüttelte den Kopf.
»Was meinst du damit?«, fragte Dylan.
Bilal strich mit den Händen über seine Oberschenkel.
»Wir kriegen manchmal so Rückmeldungen, dass im Wald merkwürdige Geräusche zu hören sind. Vor allem, wenn dort Challenges stattfinden.« Er lächelte. »Also dachte ich, ich frag einfach mal. Manchmal hören Menschen Dinge, die andere nicht hören. Oder sie nehmen Dinge anders wahr.« Sein Blick blieb an Milo hängen. »Ist dir vielleicht irgendwas aufgefallen, Milo?«
Milo kniff die Augen zusammen. Seine Hand wanderte ungewollt zu seinem Ohrläppchen, bevor er sie bewusst wieder sinken ließ. »Äh nee, also ich hab nichts Besonderes gehört«, sagte er.
Dylan und Elani schüttelten ebenfalls die Köpfe.
»Gut, gut.« Bilal nickte. »Und selbst wenn, es ist ja auch okay, wenn man was Besonderes … hört. Wahrnimmt.«
Milo schluckte. Er spürte die Blicke der anderen. »Ich hab nur Farb-Geruchs-Synästhesie«, hörte er sich sagen. »Gerüche haben für mich Farben. Und umgekehrt.«
Dylan lehnte sich vor. »Warte, echt jetzt? Also wenn du an Honig riechst, siehst du eine Farbe?«
»Nicht wirklich sehen. Ich weiß einfach, Honig ist Silber. Manchmal ist da was am Rand von meinem Blickfeld, aber naja.« Er zuckte die Schultern. »Ist schwer zu erklären.«
»Das ist so cool!« Dylan strahlte. »Können wir das mal –« Sie stoppte. Grinste, hob die Arme und streckte Milo ihre Achsel entgegen.
Milo musste lauthals lachen. »Ein Glück schmier ich mir zurzeit immer Minzsalbe unter die Nase«, prustete er.
»Ah, die dämpft alles ein wenig ab, oder? Nicht verkehrt für die Volantur, clever.« Elani tippte auf ihrem Tabalun. »Olfaktorisch-visuelle Synästhesie. Muss ich gleich mal recherchieren.«
Bilal drehte sich um und klopfte dreimal an den Türrahmen. »Alles klar. Wir sehen uns gleich beim Mittagessen, ja?«, sagte er. Dann schloss er die Tür und war weg.
Milo starrte ihm nach.
»Mein Bruder kann Farben durch Musik sehen. Also durch Töne. Ist das bei dir auch so?«, fragte Dylan.
»Nee«, murmelte Milo. »Nur Gerüche.«
Sie musterte ihn aufmerksam. »Hey. Alles okay?«
»Keine Ahnung.« Er schüttelte langsam den Kopf.
Elani sah von ihrem Tabalun auf. »Bilal interessiert sich für dich. Mehr als für uns andere.«
»Ja.« Milo sank tiefer in seinen Sitz. »Und das gefällt mir gar nicht.«
Drei Wochen später stand Milo vor einem Turm und fragte sich ernsthaft, wessen Idee das gewesen war.
Aus der Nähe war das riesige Gebäude noch beeindruckender. Die Kletterpflanzen, die sich um die Fassade wanden, waren dick wie Milos Unterarme, ihr Blätterwerk ein dichtes Geflecht aus Grün. Dazwischen schimmerten die Wasserrohre des Bewässerungssystems silbern im Mondlicht.
»Okay«, flüsterte Dylan. »Ich schick die Flöhe vor.« Sie zog die Lederrolle hervor und öffnete sie vorsichtig. »Wir müssen wissen, ob der Turm unbewacht ist«, murmelte sie ihrer Handfläche zu. »Und nicht ablenken lassen, klar? Vor allem du, Morgana.« Sie warf ihre Hand in Richtung des Turms und die Flöhe verschwanden in der Finsternis. Vermutlich. Milo konnte sie schon bei Tageslicht nur schwer erkennen.
Sie warteten.
Elani setzte sich auf einen niedrigen Felsstein und zog ihr Tabalun hervor. Sie regelte die Helligkeit runter und Milo sah den Grundriss des Turms auftauchen. Elani war einfach die beste Hackerin, die er je getroffen hatte. Naja, auch die einzige.
»Wisst ihr, was ich mich schon die ganze Zeit frage?« Dylan drehte sich zu den beiden anderen um. Elani blickte auf.
»Warum Gustav uns gestern zu dieser Höhle geschickt hat. Soweit ich das überblicke, gab's da weder komische Geräusche noch ungewöhnliche Lichter«, erklärte Dylan und schabte mit dem Fuß über den Sandboden.
»Stimmt schon, ich hab mich das auch gefragt«, antwortete Elani.
»Ja, ich auch«, meinte Milo. »Vielleicht wären wir doch besser nachts hingegangen«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.
»Ach, jetzt auf einmal«, sprang Dylan auf seine Provokation an. »Hab ich doch von Anfang an gesagt. Nachts ist auch das Leuchten – aua, Stopp, Houdini, ist ja gut.« Dylan reckte den Kopf in die Höhe.
Der Tanz der Flöhe auf Dylans Stirn dauerte ziemlich lang, dann fluchte sie leise.
»Was?«, fragte Milo.
»Da sind noch zwei Menschen. In der ersten Etage. Auf der Nordseite. Arbeiten wohl in einem Labor oder so was.«
»Ich dachte, hier ist niemand am Wochenende«, sagte Milo.
»Dacht ich auch.«
»Mist«, stellte Elani fest. »Das sind alles offene Etagen, ohne Wände und so was. Unbemerkt an denen vorbeizukommen wird schwierig.« Dylan nickte. »Aber wenn wir warten, bis die weg sind, kann das ewig dauern.« Sie ließ die Flöhe zurück in die Lederrolle hüpfen und verschloss sie sorgfältig.
Milo starrte den Turm an. Die zweite Etage lag ruhig im Dämmerlicht der lila schimmernden UV-Lampen. Eine verrückte Idee formte sich in seinem Kopf. »Wir könnten außen hochklettern«, sagte er.
Dylan hielt inne in ihrer Bewegung. »Das ist ein Witz«, sagte sie. »Oder?«
»Naja.«
»Milo. Ausgerechnet DU willst klettern?«
»Nur bis zur zweiten Etage.« Er deutete auf die verschlungenen Pflanzen. »Die Fassade ist voll mit Ranken und dicken Wurzeln, da müsste man sich doch eigentlich gut dran festhalten können.«
Elani erhob sich, die Augen auf die Fassade gerichtet. »Vertical Gardening«, murmelte sie. »Das Bewässerungssystem ist vermutlich ziemlich engmaschig. Die Wasserrohre laufen senkrecht und waagerecht über den ganzen Turm.« Sie drehte sich zu ihnen um. »Könnte tatsächlich gehen.«
Milo grinste Dylan an. »Kein Schatz ohne Regenbogen. Oder nicht?«
Dylan schob die Lederbox auf ihren Rücken und schüttelte den Kopf. »Ihr seid vollkommen verrückt, alle beide. Das wisst ihr, oder?«
»Ist das ein Ja?«, fragte Elani und steckte ihr Tabalun ein.
»Jaaa.« Dylan holte tief Luft. »Aber wenn ich abstürze und sterbe, suche ich euch als Geist heim. Für immer. Und ich werde dabei Ukulele spielen. Extra schlecht.«
Sie liefen geduckt los, dicht hintereinander.
An der Südseite des Turms hielten sie an. Milo schaute nach oben. Aus der Nähe betrachtet war es doch ganz schön hoch. Er griff in das Gebüsch an der Mauer und tastete nach der ersten, stabilen Schlingpflanze. Sie fühlte sich kühl und rau an unter seinen Fingern.
Er wischte seine Hand an der Hose ab. »Bisschen feucht vom Nachttau, aber …«, flüsterte er den anderen zu und legte den Kopf schräg. »Aber könnte gehen.«
Er schob seine Hand wieder in das Geäst und begann sich hochzuziehen. Fand den nächsten Halt. Und den nächsten.
Dylan und Elani kletterten ebenfalls los und folgten ihm.
Langsam kamen sie voran. Stück für Stück.
Eine Viertelstunde später wusste Milo wieder: Klettern war wirklich nichts für ihn. Seine Unterarme brannten. Seine Finger krampften sich um die Ranken, und jeder Muskel in seinem Körper protestierte. Die Pflanzenstängel waren doch rauer, als sie aussahen. Kleine Dornen und Unebenheiten schabten über seine Haut.
Er schaute runter und fand, dass der Boden eindeutig zu weit weg war. Die Sträucher sahen aus wie Spielzeug. Ein Schwindel erfasste ihn kurz, und seine Finger krampften sich so fest um den Büschel Zweige, dass sich Splitter in seine Handflächen bohrten. Schnell hob er den Kopf und suchte den nächsten Halt. Er ignorierte die Schmerzen und konzentrierte sich nur auf den nächsten kleinen Ast, die nächste Verstrebung, den nächsten halben Meter.
Rechte Hand. Linker Fuß. Linke Hand. Rechter Fuß.
Irgendwo unter ihm scharrten Schuhsohlen auf Holz. Dylan stöhnte. Grummelte Flüche. Dann entfuhr ihr ein erstickter Laut.
Milo wirbelte herum. Dylans Körper schwang hin und her, wie ein Pendel. Sie hing nur noch an einer Hand, ihre Finger krallten sich um eine Wurzel.
»Dylan!« Elanis Stimme war gepresst, heiser.
Ohne nachzudenken, ließ Milo eine Hand los und griff nach ihr. Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk. Er hielt sie. Gerade so.
Sein Schultergelenk brannte. Die Ranke, an der er sich festhielt, schnitt in seine Handfläche. Dylans Füße fanden keinen Halt, also versuchte sie, sich mit ihrem freien Arm an Milo hochzuziehen. Aber ihre Hand rutschte an seinem Unterarm ab.
Einmal. Zweimal.
»Ich kann mich nicht festhalten«, keuchte sie. Ihre Stimme klang fremd. Klein.
»Doch.« Milo kniff die Augen zusammen und hielt sie fest. »Nicht. Loslassen.«
»Ich helfe euch!«, rief Elani von weiter links.
Milo hörte es, bevor er es fühlte. Syntagie. Ein leises Surren und die Luft um sie herum wurde dichter, drückte von unten gegen Dylans Körper. Nicht viel. Aber genug, um das Gewicht an seinem Arm ein kleines bisschen zu verringern. Eine Erinnerung blitzte auf. Pepper, sein Alpaka, prallte gegen eine unsichtbare Mauer und schaute ihn vorwurfsvoll an.
»Jetzt!«, rief Elani mit gepresster Stimme. »Versuchs nochmal!«
Dylan holte Luft, schwang sich hoch. Diesmal kam sie höher und ihre Finger fanden Halt an Milos Oberarm. Sie krallte sich fest. Ihre Nägel bohrten sich durch den Stoff.
»Dylan. Rechts über dir«, presste Elani hervor, ihre Stimme angespannt vor Konzentration. »Da ist eine Verstrebung.«
»Ich seh sie.« Dylans Stimme war dünn, aber sie riss sich zusammen.
Das Pendeln ihrer Beine verlangte Milo alles ab. Er presste die Zähne zusammen. Biss sich auf die Zunge und schmeckte Blut. Dann spürte er, wie das Gewicht an seinem Arm leichter wurde. Dylans Fuß hatte Halt gefunden.
Sie zog sich hoch, ihre Hand löste sich von seinem Oberarm. Morgen würde er blaue Flecken haben, fünf kleine Halbmonde.
Dylan tastete nach einer Wurzel neben seinem Ellbogen. »Kannst loslassen«, flüsterte sie.
Milo lockerte langsam den Griff um ihr Handgelenk und schwang seinen Arm nach oben. Zu der Ranke, die sich während der ganzen Aktion glücklicherweise keinen Millimeter bewegt hatte.
Einen Moment lang standen sie einfach da. Atmeten. Milos Herzklopfen ließ nach.
»Ich hatte eine Scheißangst«, flüsterte Dylan.
»Verständlich.« Seine Stimme zitterte fast so sehr wie sein Arm. »Hattest ja nicht mal die Ukulele dabei. Da hätte ich dir ja den ganzen Spuk-Spaß verdorben.«
Dylan schüttelte leicht den Kopf, aber er konnte sehen, wie sich ein kleines Grinsen auf ihr Gesicht stahl.
»Alles gut bei euch?«, fragte Elani leise, ihre Stimme vibrierte leicht. »Könnt ihr weiter?«
Milo holte Luft. Seine Arme fühlten sich an wie Gummi. Zum Glück war die zweite Etage nur noch wenige Meter entfernt. »Ja. Ist auch nicht mehr so weit«, antwortete er.
Sie kletterten wieder los. Vorsichtiger jetzt.
Endlich erreichten sie die zweite Etage. Zwischen den dicht verwobenen Schlingpflanzen gab es kleinere Lücken. Stellen, an denen das Vertical-Gardening-System bewusst Öffnungen ließ, um Licht und Luft ins Innere zu lassen. Milos Finger schoben Blätter beiseite, fuhren über kühle Wurzelstränge, dicke Blätter. Dann ertastete er eine Öffnung. Wirkte groß genug. Er spähte hinein und wartete einen Moment, lauschte. Nichts.
»Hier oben«, flüsterte er. »Kommt.« Er schob sich durch das Dickicht, die Zweige streiften über sein Gesicht. Dann war er drin.
Seine Füße berührten den Boden und seine Beine gaben sofort nach. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Keuchend sank er gegen die Wand.
Dylan und Elani folgten seinem Beispiel.
Ein Stück weiter ragte ein dunkles Loch aus dem Boden. Der Aufzugschacht, der alle Etagen miteinander verband. Irgendwo unter ihnen mussten noch die Mitarbeiter der Kristallfabrik sein.
»Nie wieder«, sagte Dylan kaum hörbar. Sie lag flach auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt. Ihr Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell. »Hört ihr? NIE. WIEDER.«
»Siebenundvierzig Prozent«, murmelte Elani neben ihr.
»Was?«
»Die Absturzwahrscheinlichkeit lag ungefähr bei siebenundvierzig Prozent.«
Keiner antwortete. Milo konnte förmlich hören, wie Dylan mit ihren Augen rollte. Sein Atem beruhigte sich langsam.
Dylan setzte sich auf. »Danke. Echt«, sagte sie leise. »Euch beiden.«
Milo nickte. Er betrachtete die Schürfwunden auf seinen Knöcheln. Sein Blick wanderte höher. Zu den fünf kleinen Halbmonden auf dem Oberarm, wo Dylans Nägel gewesen waren.
Er hatte sie gehalten. Das stimmte. Aber er hatte auch gespürt, wie sein Arm nachgab. Wie das Gewicht zu viel wurde. Ohne den Luftteppich von Elanis Syntagie, ohne diesen kleinen, unsichtbaren Schubs von unten, wäre Dylan womöglich gefallen.
Milos Hand schob sich wie von selbst in seine Hosentasche. War das also seine Rolle? Festhalten bis jemand anderes das Entscheidende tat?
Seine Finger strichen über die zwei Steine. Einer rund und glatt, der andere kegelförmig und immer noch ein wenig spitz. Vielleicht war das die falsche Frage. Vielleicht war es auch egal.
»Also«, meinte Elani und zog das A etwas länger, als ob sie noch nicht sicher war, ob sie wirklich aussprechen wollte, was ihr durch den Kopf ging. »Ich finde, wir sollten Dylans gestrigen Vorschlag annehmen. Dann nennen wir uns halt ›Die drei Blattläuse‹. Passt ja gerade irgendwie auch.« Sie zupfte ein längliches Blatt von ihrem Cape.
Dylan quiekte erfreut und Milo sah erschrocken zu dem Schacht in der Mitte der Plattform. Dylan schlug sich schuldbewusst die Hand vor den Mund, aber ihre Augen funkelten immer noch. Leise fügte sie hinzu: »Dass ich das noch erleben darf, Elani nimmt einen meiner Vorschläge an.« Sie grinste breit.
Elani wollte protestieren, aber Dylan war schon aufgestanden und klopfte sich leise den Staub von der Hose.
Milo erhob sich und spähte zu dem dunklen Loch vor ihnen. Gegen seinen Willen musste er grinsen. Siebenundvierzig Prozent. Bestimmt hatte Elani auch schon errechnet, ob sie das ominöse Projektorbecken finden würden. Falls sie es ungesehen ganz nach oben zur Sternwarte schafften.
Ein langgezogenes Knarren ertönte.
Ihre Köpfe fuhren herum.
Milo sah, wie sich der Schacht langsam erhellte. Neben sich hörte er Dylan nach Luft schnappen. Er drehte den Kopf.
Ein Lichtstrahl fiel auf ihr Gesicht.
Seine Brust schnürte sich bei ihrem Anblick zu.
Dylans Wangen waren aschfahl geworden und sie starrte unverwandt an die Decke. Er wusste nicht genau, was der Ausdruck in ihren Augen bedeutete. Aber er wusste, dass er ihn noch nie bei ihr gesehen hatte.
Dylan, die unerschrockene Zirkustochter, hatte Angst.
Und das war gar nicht gut.
Infoharz
Ein durchsichtiges Harz, in dem Informationen gespeichert werden können. Mithilfe eines Kristalls lassen sich diese über ein Tabalun oder Projektorbecken abrufen.
Kristall
Ein persönlicher Begleiter, dessen Farben Hinweise auf den körperlichen und mentalen Zustand seines Trägers geben – sowohl für die Person selbst als auch für andere. Daraus müssen jedoch keine bestimmten Konsequenzen folgen.
Panelima
Die Insel, auf der Milo, Dylan und Elani leben.
Primus-Interrete
Ein Informationsnetzwerk, das speziell für Kinder und Jugendliche zugänglich ist.
Projektorbecken
Eine technische Einrichtung, mit der gespeicherte Inhalte sichtbar gemacht werden können.
Synästhesie
Ein Wahrnehmungsphänomen, bei dem die Reizung eines Sinnes automatisch eine zusätzliche Wahrnehmung in einem anderen Sinn auslöst. So können beispielsweise Töne als Farben wahrgenommen oder Farben mit bestimmten Gerüchen verbunden werden.
Syntagie
Eine erlernbare Fähigkeit, mit der Menschen natürliche Vorgänge wahrnehmen und sanft beeinflussen können. Es gibt drei Formen:
– Luftsyntagie wirkt auf Luft, Strömungen und Druck.
– Lichtsyntagie wirkt auf Energie, Wärme und Licht.
– Vitalsyntagie wirkt auf lebende Systeme wie Pflanzen, Tiere und Menschen.
Syntagischer Rat
Das Ordnungs- und Aufsichtsgremium von Panelima.
Tabalun
Ein tragbares digitales Gerät, das unter anderem zur Kommunikation, Navigation und Informationssuche verwendet wird.
Volantur
Eine dreimonatige Orientierungs- und Ausbildungsreise für Jugendliche auf Panelima. Dabei lernen sie unterschiedliche Tätigkeiten und Lebensbereiche kennen und finden mehr über ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen heraus.
»Bleib stehen!«
Das cremefarbene Alpaka galoppierte weiter, als hätte es Milos Stimme gar nicht gehört.
»Pepper, ich schwör's dir …«
Milo sprintete hinterher, seine Füße klatschten über das taufeuchte Gras. Die kleinen Steine in seiner Hosentasche klackerten. Er stolperte über eine Wurzel, fing sich gerade noch ab. Das Alpaka hatte einen riesigen Vorsprung.
So wird das nichts. Milo blieb stehen. Er schloss die Augen.
und suchte die kleine Delle in der Luft, die Pepper hinterließ. Dann konzentrierte er sich auf das Pochen in seiner Brust und fand das surrende Gefühl von Energie. Nicht zwingen, nur etwas lenken. Die Luft verdichtete sich und strömte Pepper hinterher wie eine unsichtbare Welle. Legte sich um das Alpaka wie ein weiches Kissen.
Pepper stolperte. Drehte sich verwirrt um. Und schnaubte vorwurfsvoll.
Hui, hat geklappt. Ein Grinsen breitete sich auf Milos Gesicht aus. Er atmete tief durch, seine Hände zitterten leicht. Ob vor Anstrengung oder Aufregung, wusste er nicht genau.
»Selbst schuld.« Er ging zu Pepper hinüber. Der Luftwiderstand nahm ab. »Aber wir können auf dem Rückweg bei deinem geliebten Haselnussbaum anhalten, ok?«
Pepper schnaubte nochmal, dann stupste sie ihn versöhnlich in den Rücken.
Die anderen Alpakas grasten friedlich bei den Brombeersträuchern, als wäre nichts gewesen. Nur Lissy, die Leitstute, hob den Kopf und warf Pepper einen funkelnden Blick zu. Typisch, schien sie sagen zu wollen. Milo ging zu ihr. »Sei nicht so streng mit Pepper. Sie ist halt neugierig«, murmelte er und kraulte Lissy hinter dem Ohr. Sie ließ es sich gefallen, kaute aber unbeirrt weiter.
Der Rest des Nachmittags verlief ruhig. Milo lag im Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und beobachtete das Treiben über sich. Das Gebilde oben links sah aus wie sein Vater beim Wolkenverschieben. Gefolgt von einer Dampflok, die winzige Kumuluswolken schnaufte. Er beobachtete, wie sich die große Wolke rechts langsam verformte, ausdehnte und wieder zusammenzog. Seine Mutter war wohl dabei, die warmen Luftströme nach Norden umzulenken.
Milos Magen knurrte beim Anblick des blauen Himmels, aber er ignorierte es. Ausnahmsweise. Bei Milo verwandelten sich Farben in Gerüche und Gerüche nahmen bunte Formen an. Synästhesie war normal auf Panelima. Aber Milo hatte noch niemanden getroffen, bei dem der blaue Himmel auch nach frisch gebackenem Brot roch. Allerdings lebte seine Familie auf einer Bergspitze. Hier kamen selten andere Leute vorbei.
Eine Brise strich über die Weide. Ein Grashüpfer sprang von Milos Arm auf seine Schulter, landete auf seinem Kopf und kackte ihm auf die Nase. Milo schnellte hoch. Prustete und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
Dann sah er den Horizont. Die Sonne stand schon tief. Verdammt. Schon wieder verschlafen. Kein Wunder, dass sein Magen knurrte.
Seine Beine brannten, als er den steilen Sandweg hinab sprintete. In der Ferne thronte die Glaskuppel der Wetterstation auf ihrem Felsvorsprung, halb in den Berg gebaut. Die Jalousien waren heruntergelassen und die Dachluke geschlossen. Natürlich. Mama war längst fertig.
Er bog ab und kam schlitternd am Hintereingang ihrer Wohnhöhle zum Stehen. Sein Blick streifte das Bäumchen neben dem Mauervorsprung. Wie immer schimmerten die kugeligen Ahornblätter hell an den Rändern. Milos Herzschlag beruhigte sich. Er tastete nach dem grünen Kristallanhänger an dem Band um seinen Hals.
Die Holztür quietschte leise, als er sie öffnete. Er trat auf einen weichen Moosteppich und zog sein Shirt zurecht. Sonnenlicht fiel schräg durch die großen Fenster, tauchte alles in ein warmes Orange. Überall rankten Pflanzen aus Nischen in den Wänden. Farne, deren Wedel über die kühlen Steine krochen, blühende Kletterstauden und Kräuterpflanzen in Tontöpfen, die sein Vater regelmäßig kahl rupfte.
Es roch nach frischer Erde und nach Grüntönen. Also für Milo nach gebratenen Eiern.
»Ah, da bist du ja!«, rief Papa und drehte sich zu ihm um. Er stand am Herd, sein Gesicht war rot von der Hitze. »Wasch dir bitte die Hände, Milo. Gleich gibt's Essen.« Er schwenkte den Kochlöffel in Richtung Waschbecken.
»Was gibt's?«
»Auflauf. Und gefüllte Äpfel mit Kürbismus. Opa bringt welche mit aus –« Die Tür schwang auf. Papa verstummte.
Omas Lavendelduft erfüllte den Raum, noch bevor Milo sie sah. Dann war sie schon bei ihm angekommen und umarmte ihn überschwänglich.
»Milo-Schatz! Wie groß du schon wieder geworden bist!«
Sein Kopf wurde in ihr leuchtend gelbes Halstuch gedrückt, er nuschelte: »Ich war doch erst vor zwei Wochen bei euch, Oma.«
»Und trotzdem!« Sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. Musterte ihn lächelnd.
Opa schloss die Tür und stellte einen Korb mit Äpfeln auf den Tresen. Er gab Strike einen Klaps auf den eckigen Hintern. Der Transpobot setzte sich schnaufend erneut in Gang, seine Gelenke summten bei jedem Schritt. Eine Art mechanischer Esel der ersten Generation, laut und rumpelig, aber irgendwie gehörte er halt zur Familie. Strike trottete gehorsam in die Ecke zu den Farnmatten, lehnte seine Flanke gegen das Wandpaneel und schaltete in den Lademodus.
»Hier, für dich.« Oma drückte Milo ein quietschbuntes Päckchen in die Hand. Sofort explodierten die Farben in seinem Kopf. Erdbeeren. Warmer Sand. Die blauen Rauten auf dem Papier rochen eher nach altem als nach frischem Brot. Tolle Kombi. Er kräuselte die Nase und riss das Papier herunter. Zum Vorschein kam ein verzierter Setzkasten aus Holz. Mit lauter kleinen Fächern, sorgfältig geschliffen und geölt.
»Für deine Steinsammlung«, sagte Oma und ihr Lächeln wurde weicher. »In deinen Hosentaschen wird's langsam eng.«
Milo umarmte sie. Lavendelduft hüllte ihn wieder ein. Opa strich über die Flicken an seiner rechten Hosentasche und zwinkerte ihm zu.
Kurz darauf duftete das ganze Untergeschoß nach leckerem Kürbisauflauf. Während Oma die gefüllten Äpfel in den Ofen schob, verteilte Milo Löffel und tiefe Teller.
Mama hatte sich zu Opa auf die Eckbank gesetzt und schenkte ihm Jasmintee nach. »Ich soll im Frühjahr in Acrop helfen. Sie bauen eine Sternwarte in das Planetarium, oben auf den großen Turm am Fluss.«
»Also in der Kristallmanufaktur?« Opa nahm einen kleinen Schluck. »Wer ist denn dort zur Zeit Direktor?«
»Meister Ginto. Führt den Betrieb schon seit über zwanzig Jahren. Die Manufaktur soll sein ganzes Leben sein.«
»Aha, also ein waschechter Junggeselle?«, fragte Opa und fixierte das dampfende Getränk in seiner Hand.
»Nein, er hat Familie«, sagte Mama. »Seine Frau und er haben zwei Söhne, der jüngere ist wohl in Milos Alter. Timucin, glaube ich.« Sie drehte sich zu Milo. »Vielleicht lernst du ihn ja kennen, wenn ihr mich im April besucht.«
Opa senkte den Blick und stellte die Tasse ab. Seine Hand zitterte. Nur ein bisschen. Aber Milo sah es.
Die Gartentür wurde aufgestoßen.
»Ab morgen gibt's endlich was anderes als Kürbis!« Papa schwenkte einen Korb mit glänzenden Karotten. Er stellte ihn schwungvoll auf den Tresen. »Hab mich ordentlich ins Zeug gelegt«, er zwinkerte Milo zu. »Naja, nicht ganz so ordentlich, wie du.«
Mama lachte. »Wie lange willst du ihm die Sache mit dem Kürbis denn noch vorhalten?«
»Was ist denn passiert?«, fragte Oma.
»Unser Sohn hat letzte Woche einen Kürbis so stark wachsen lassen, dass das Ding buchstäblich geplatzt ist. Wir haben uns tagelang von nichts anderem ernährt. Kürbissuppe, Kürbislimo, Kürbiskuchen …«
Oma lachte auf. »Herrlich! Das erklärt so einiges.«
»Der sah halt …« murmelte Milo, ihm wurde heiß. »irgendwie bedürftig aus.«
Seine Großmutter grinste und tätschelte ihm den Arm. »Mach dir nichts draus. Vitalsyntagie ist bei mir auch nicht so gut ausgeprägt. Und am unberechenbarsten«, flüsterte sie ihm zu. »Offenbar kommst du da nicht nach deinem Großvater. Bilenko könnte stundenlang dem Gras beim Wachsen zuhören.« Sie warf Opa einen liebevollen Blick zu.
Milo fiel ein, dass er noch gar nicht erzählt hatte, wie er Pepper erfolgreich mit Luftsyntagie aufgehalten hatte. Seine Oma lauschte aufmerksam. Sie nickte und zog dabei die Augenbrauen hoch. »Sehr gut Milo, hab ich dir doch gesagt. Wenn Du einmal gespürt hast, wie Du den Druckunterschied findest, dann ist es ganz leicht.«
Er biss sich auf die Zunge. Seine Großmutter hatte gut reden. Sie hatte eine besondere Form der Synästhesie. Ihr Gehirn ersann Melodien, wenn unterschiedliche Moleküle aufeinander trafen. Egal ob bei festen, flüssigen oder gasförmigen Erscheinungsformen. Natürlich fiel es ihr so leichter, lose Luftpartikel zu finden und zu verbinden. Sie war eine wirklich eindrucksvolle Luftsyntagierin.
Nach Oma kam er also auch nicht.
Vier Jahre später war es soweit – Milo würde diesen Sommer mit anderen Jugendlichen seines Alters seine Orientierungsreise durch Panelima absolvieren. Deshalb verabschiedete er sich schon früh am Morgen von den Alpakas und von seinen Eltern.
Dann machte sich auf den Weg.
Die ersten zweieinhalb Stunden vergingen im gleichmäßigen Rhythmus aus Schritten, knackenden Wurzeln und raschelnden Blättern. Der Wald wurde immer dichter und dunkelgrüne Farngeflechte schwangen sich wie Luftwurzeln von Ast zu Ast. Bis auf einen Specht, der in der Ferne gleichmäßig hämmerte, war es ruhig und friedlich. Milos Konzentration richtete sich nur auf den nächsten Tritt und die nächste Stolperfalle und so sorgte die Wanderung bald dafür, dass sein Herz ruhig und gleichmäßig schlug und sein Kopf sich frei und leer anfühlte. Vielleicht lag es auch an der Minzsalbe, die er sich unter die Nase gerieben hatte. Sicherheitshalber, hatte sein Vater gesagt.
An einer Quelle machte Milo kurz Pause. Das Wasser war klar, kalt und sprudelte zwischen moosbedeckten Steinen hervor. Schnell zog er seine Schuhe aus und tauchte seine warmen Füße in die kalte Strömung. Besser. Mit der linken Hand spritzte er sich etwas Wasser ins Gesicht und nahm ein paar große Schlucke. Nicht lange und er konnte seine Zehen kaum noch spüren.
Seufzend zog er die Schuhe wieder an. Als er nach seinem Hoodie griff, um ihn wieder über dem Rücken zu verknoten, kullerte etwas aus der Fronttasche auf den Boden. Milo bückte sich, seine Augen schweiften über den waldigen Untergrund. Was war das gewesen? Mit den Händen tastete er die Erde ab. Unter einem Blatt entdeckte er einen kleinen runden hellbraunen Stein. Mit winzigen goldenen Sprenkeln. Milos Herz machte einen Hüpfer. Sein Lieblingsstein. Der erste Talisman, den er zusammen mit seinem Opa auf einer ihrer langen Walderkundungen gefunden hatte. Und den er seit damals so oft zwischen seinen Fingern gerieben hatte, dass seine Oberfläche mittlerweile spiegelglatt war.
Breit grinsend steckte er ihn in seine rechte Hosentasche. Wie genau der Stein in seinen Pullover gekommen war, konnte er sich nicht erklären, aber es war ihm auch egal. Pfeifend schnallte er seine Gürteltasche um, wandte sich der Sonne entgegen und folgte dem Pfad Richtung Süden.
Bald veränderte sich die Landschaft. Der Wald wurde lichter, die Bäume niedriger und windschiefer. Zwischen den Stämmen blitzte das Meer auf, silbrig und unruhig. Der Weg machte eine Biegung und schlängelte sich jetzt an den Felsklippen entlang, gut fünfzig Meter über dem Wasser. Der Wind pfiff in Milos Ohren und schmeckte nach Salz. Und dann roch er es.
Kekse.
Frisch gebackene, süß-klebrige Butterkekse.
Er kräuselte die Nase und versuchte an seiner Oberlippe zu schnuppern. Die Minzsalbe war weg, wahrscheinlich bei der Quelle abgewaschen. Ihm war bisher gar nicht aufgefallen, dass er wieder die normalen Farben und Gerüche seiner Umgebung wahrgenommen hatte. So richtig nachvollziehen konnte er Papas Argumentation immer noch nicht.
Da war es wieder. Keksgeruch.
Milo sah sich um. Zerklüftete Felsen, kreischende Möwen, das endlose Grau des Meeres. Perfekter Ort für eine Bäckerei.
Milo trat näher an den Rand der Klippe und spähte übers Wasser. Nichts. Nur ein paar Schwalben und das Geräusch der Wellen, die gegen die Felsen klatschten. Der Geruch wurde stärker. Petrolfarbene Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen, klein wie Sandkörner, aber hartnäckig. Er ging in die Hocke und krabbelte zum Rand. Der Felsen war rau und mit dornigen Flechten überzogen, der Wind peitschte ihm ins Gesicht.
Vorsichtig beugte er sich vornüber und betrachtete die Schaumkronen, die über das Meer hüpften. Dann, ein Laut. Ein leises Piepen, fast vom Wind verschluckt. Verzweifelt. Dünn.
Milo legte sich flach auf den Bauch und robbte ein Stück weiter vor.
Da. Einen Meter unter ihm hing ein Vogel in einem Gewirr aus Plastikfäden. Das Netz war petrolfarben, natürlich war's das, und hatte sich um eine dicke Wurzel gewickelt, die aus einer kleinen Felshöhle ragte. Drinnen befand sich wahrscheinlich das Nest. Der Vogel hatte sich wohl beim Rauskommen verfangen.
Eine Trottellumme. Schwarz-weiß, gedrungen, und so wie sie hier im Netz hing, machte sie ihrem Namen gerade alle Ehre.
Okay. Wird schon gehen. Milo schob sich noch ein Stückchen weiter vor. Seine Finger krallten sich in den Fels, sein Oberkörper ragte jetzt halb über die Kante. Unter ihm: endloses Nichts, dann Felsen, dann schäumendes Meer.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Vielleicht könnte er die Fäden auch per Vitalsyntagie von der Wurzel lösen. Er müsste sich nur so weit vorbeugen, dass er mit einem seiner Finger den oberen Teil des Wurzelgeflechtes berühren konnte. Dann ein wenig Energie sammeln, durch die Fasern schicken und dann? Sollte die Wurzel sich nach oben biegen? Ohne, dass der Vogel dabei samt Netz versehentlich in die Tiefe stürzte? Nein, lieber nicht.
Milos Kristall baumelte an seiner Halskette unter ihm, das Grün nahm langsam einen gelblichen Ton an. Milo steckte ihn schnell unter sein Hemd, den durfte er auf keinen Fall verlieren. Dann schob er sich noch ein Stück vor, hielt den Atem an und streckte den Arm aus. Zu weit weg.
Zentimeter für Zentimeter kroch er weiter. Bloß nicht nach unten gucken. Nur auf den Vogel. Mit den Hüften lag er jetzt am Rand, seine Hand berührte das Netz.
Fast. Ausgerechnet heute waren seine Arme zu kurz.
Die Trottellumme geriet jetzt komplett in Panik. Sie piepste schrill und verzweifelt, zerrte an dem Netz und schlug so gut es ging mit den Flügeln.
Der nervige Keksgeruch wurde immer stärker. Süßlich und warm schnürte er ihm die Kehle zu. Petrolfarbene Kleckse versperrten ihm die Sicht. Er blinzelte. Sein Schwerpunkt kippte nach vorne.
Stopp! Konzentrier dich. Nicht abstürzen. Nicht. Heute.
Milo streckte sich erneut und griff zu. Diesmal schloss sich seine Hand um Vogel und Netz gleichzeitig, dann um die Wurzel. Er zog. Einmal. Zweimal.
Das Netz gab nach, löste sich von der Wurzel, und er zog alles – Vogel, Plastik, Keksgeruch – zu sich hoch. Geschafft. Langsam robbte er rückwärts. Seine Ellbogen wurden aufgeschürft, seine aufgerissenen Augen tränten vom Wind. Endlich lag er sicher ein Stück vom Rand entfernt auf dem Bauch. Der Vogel, immer noch im Netz, lag in seiner Hand. Milo setzte sich auf und atmete tief ein und aus. Seine Hände zitterten ein bisschen.
Die Trottellumme blickte ihn aus dunklen Knopfaugen an, den Kopf schräg gelegt. Sie hatte aufgehört, so panisch zu fiepen.
»Okay«, sagte Milo. »Jetzt kriegen wir dich hier raus.«
Er fing an zu summen. Irgendein altes Kinderlied, dessen Text er längst vergessen hatte. Seine Finger nestelten an den Plastikfäden. Die Trottellumme hielt still. Gut. Sie verstand.
Faden für Faden löste er die Knoten. Es dauerte, aber Milo übte sich in Geduld. Und das Summen half wirklich. Ihm oder dem Vogel, da war sich Milo nicht sicher. Vielleicht beiden.
Endlich, der letzte Knoten gab nach. Frei.
Die Trottellumme saß in seiner offenen Hand und sah ihn immer noch an. Milo nickte ihr zu. Vorsichtig breitete sie ihre Schwingen aus, machte einen Hüpfer und erhob sich in die Luft. Erst wackelig, dann immer sicherer schlug sie mit ihren Flügeln auf und ab. Eine Windböe erfasste das Plastiknetz in Milos Schoß. Es kullerte Richtung Meer und bevor Milo reagieren konnte, war es schon am Rand des Felsens.
»Nein, warte –«
Zu spät. Über die Kante und weg.
Die Trottellumme kreiste einmal über der Klippe, verschwand über dem offenen Meer und ließ einen dicken, weißen Klecks in die sich kräuselnden Wellen fallen. Top Statement.
Milo rieb den restlichen Dreck von seinen Handflächen. Auf dem Boden neben sich entdeckte er einen kleinen Stein. Sah aus wie ein Kegel, daumengroß und schwarz-weiß gemustert. Wie der Vogel.
Milo legte den Kopf schief. Ein zweiter Talisman könnte nicht schaden. Er steckte den Stein in die Hosentasche und stand auf.
Grinsend klopfte er sich den Staub vom Körper und nieste kräftig. Moment mal. Der Geruch war weg.
Er hob den Kopf. Nichts. Nur Wind und Salzgeschmack.
Milo ging zurück zum Rand und beugte sich langsam vor. Da, das Netz hatte sich erneut an der Klippe verhangen und baumelte einige Meter tiefer an einem Felsvorsprung, die petrolfarbenen Fäden flatterten im Wind. Und jetzt war auch der Keksteig wieder da. Süßlich. Warm.
Milo richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Der Geruch verschwand. Das war … okay. Normalerweise funktionierte das so. Keine Farbe in Sichtweite, also kein Geruch. Aber vorhin hatte er den Keksteig gerochen, bevor er das Netz gesehen hatte. Der Geruch war plötzlich da gewesen. Mitten auf dem Pfad. Erst dann war er zur Klippe gegangen. Erst dann hatte er das Netz entdeckt.
Das ergab keinen Sinn. Oder doch? Vielleicht hatte er das Netz nur nicht richtig wahrgenommen? Ein petrolfarbener Fetzen, der irgendwo am Rand wehte und den sein Gehirn unbewusst registriert hatte?
Musste so sein.
Milo schob seine Gürteltasche wieder auf den Rücken und drehte sich dem Steinweg zu. Er sollte sich besser ein wenig beeilen. Gustav und Tim würden bestimmt nicht ewig auf ihn warten. Und ehrlich gesagt freute er sich darauf, ihnen von der Trottellumme zu erzählen. Das war eine ziemlich gute Geschichte.
Aber während er weiter ging, den Pfad entlang, der sich in gemächlichen Biegungen von den Klippen wegschlängelte, blieb da dieses kleine, nagende Gefühl. Der Geruch war da gewesen, bevor das Netz in Sicht war.
Fast so, als wüsste seine Synästhesie mehr als er selbst.
Milo hatte sich die Volantur immer als strukturiertes Pflichtprogramm vorgestellt. Was er sich nicht vorgestellt hatte: Elani. Und Dylan schon gar nicht.
Aber in den letzten Tagen war viel passiert und mittlerweile konnte er sich so einiges vorstellen.
Die Magnetschwebebahn glitt lautlos über gelbe Felder und graue Hügel. So lautlos, dass Milo sich manchmal fragte, ob sie sich überhaupt bewegte. Er hatte den Kopf gegen die kühle Scheibe gelehnt und beobachtete, wie die Landschaft allmählich grüner wurde. Vereinzelte Wälder verschwammen zu grünen Streifen, und ab und an stoben Vögel aus den Baumwipfeln empor, als hätte jemand kräftig am Stamm gerüttelt.
Er dachte an die Trottellumme vor zwei Tagen. Und an Tim. Der war heute schon sehr früh aufgebrochen, Gruppe 5A reiste nach Topemo, das ziemlich weit im Norden lag. Tim hatte neben Milos Bett gestanden und ihn an der Schulter gedrückt. Ein kurzes beidseitiges Nicken, dann war Tim mit drei langen Schritten an der Zimmertür gewesen und verschwunden. Gruppe 5B, der Milo angehörte, war nun auf dem Weg nach Myzant, das tief im Regenwald von Panelima lag. Der Rest der Gruppe hatte als erstes den Speisewagen gestürmt, aber Dylan und er hatten sich lieber ein leeres Abteil gesucht.
Milos Kopf schwirrte immer noch von den Einstufungstests und dem aufregenden Baumritual gestern Abend. Gruppe 5B, Selbstfinder. Bei ihnen hatte der Baum in tiefem, satten Rot geleuchtet und Milo fragte sich, ob er sich die Wärme der Baumrinde vielleicht nur eingebildet hatte.
Ein lautes Gähnen unterbrach seine Überlegungen. Dylan saß ihm gegenüber, die Beine hochgezogen, den Kopf auf die Knie gestützt. Ihre Augen waren halb geschlossen. »Wie lange noch?«, murmelte sie.
»Wir sind gerade erst losgefahren, Dylan.« Milo zog eine Augenbraue hoch.
»Jaja.« Sie gähnte nochmal ausgiebig. »Also ich bin mehr als bereit für mein eigenes Bett. Das Zimmer in Bolyn war schon okay, aber …« Eine vage Handbewegung. »Zu viele Leute. Zu viele Geräusche. Zu viele Leute, die Geräusche machen.«
Die Abteiltür glitt auf. »Darf ich?« Eine vertraute Gestalt stand auf der Schwelle, das Cape wickelte sich um ihre Knie.
Milo fuhr hoch. »Elani?«
»Du hier? Wir dachten, du wärst –« Dylan war schlagartig munter. »Ich meine, nach gestern Abend …« Sie rutschte zur Seite, obwohl eigentlich genug Platz war.
Elani ließ sich auf die Bank fallen, ein schiefes Lächeln im Gesicht.
Milo lehnte sich vor. »Was ist passiert?«, fragte er.
»Was hat Nana Suri gesagt?«, wollte Dylan wissen.
»Mein Profil sei komplex.« Elani zog einzeln ihre Finger lang. Der Zeigefinger knackte leise. »Die Testergebnisse waren wohl eher uneindeutig, weil meine Lösungsansätze anscheinend nicht dem ›Profil einer Jugendlichen‹ entsprachen. Das kommt häufiger vor, als man denkt, meinte Nana Suri. Und dann hat sie noch was von kognitiver Reife gesagt. Und von dem Niveau chronologisch älterer Personen gesprochen und der daraus resultierenden Diskrepanz zum alterstypischen psychosozialen Wachstumsprozess.« Elani zuckte mit den Schultern. »Kurzum, ich bin euch wohl allen ein gutes Stück voraus. Also durfte ich mir selbst aussuchen, welcher Gruppe ich mich anschließen will.«
Dylan lachte. »Das ist ja spitze.«
»Und es zeugt definitiv von ›kognitiver Reife‹, dass du unsere Gruppe gewählt hast«, grinste Milo.
Dylan nickte zustimmend. »Alles klar du Wunderkind, hat sie denn sonst noch was gesagt oder gefragt? Irgendwas, das man verstehen kann, auch wenn man noch kein Studium abgeschlossen hat?«
Elani nahm ihre Umhängetasche ab und verstaute sie im Gepäcknetz neben Dylans Rucksack. »Sie hat mir ziemlich viele Fragen gestellt. Woher meine Familie kommt. Wie viele Geschwister ich habe. Was meine Eltern beruflich machen, ob ich gern lese.« Sie runzelte die Stirn. »Ein wenig seltsam war es schon. Als würde sie nach etwas Bestimmtem suchen.«
»Und?«, fragte Milo. »Hat sie was gefunden?«
»Keine Ahnung. Aber dafür hab ich was gefunden.« Elani beugte sich vor und senkte die Stimme. »Sie ist irgendwann kurz rausgegangen. Und auf ihrem Tabalun ist eine Nachricht aufgeploppt.«
»Eine Nachricht?«
»Eher ein Rundbrief. Eine Warnung.« Elani sprach jetzt noch leiser, obwohl niemand sonst im Abteil war. »Nana Suri war kurz draußen, irgendein Mentor hatte ein Problem. Und das Tabalun auf ihrem Schreibtisch hat rot geblinkt. Ich musste einfach hinschauen.«
Milo richtete sich auf. »Du hast dir ihr Tabalun genommen?«
»Nur kurz.« Sie verzog unsicher den Mund. »War eh nur die Vorschau und ich hab nicht alles lesen können. Aber es klang ziemlich ernst. Irgendwas mit besorgniserregenden Auffälligkeiten. Merkwürdige Phänomene. Über ganz Panelima verteilt.«
»Auffälligkeiten?« Dylan runzelte die Stirn. »Was für Auffälligkeiten?«
»Keine Ahnung.« Elani biss sich auf die Lippe. »Hab mich nicht getraut, das Memo zu öffnen. Ich wusste ja nicht, wann sie zurückkommt.«
»Aber die Nachrichten sind doch sowieso verschlüsselt«, wandte Milo ein.
Ein unschuldiges Lächeln erschien auf Elanis Gesicht und ihre Augen funkelten kurz auf.
Dylans Mund öffnete und schloss sich. Dann grinste sie. »Soviel also zur ›kognitiven Reife‹.«
Elani zuckte mit den Schultern. »Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber mir reicht das Archiv aus dem Primus-Interrete nicht wirklich. Ich hab viel zu viele Fragen. Da muss ich manchmal einfach das Erwachsenennetzwerk meiner Eltern kapern.« Sie klimperte mit den Augen.
»Und was ist jetzt mit dieser Warnung?«, fragte Milo ungeduldig.
Elani holte tief Luft. »Das weiß ich auch nicht genau. Aber ich find's wirklich merkwürdig. Normalerweise sind Warnungen öffentlich, oder? Nur gemeinsam sind wir stark, Wissen schützt vor Torheit und der ganze Kram. Aber dieses Memo ist auf keinem der öffentlichen Infoboards aufgetaucht. Oder habt ihr was gesehen in letzter Zeit?«
Milo schüttelte den Kopf. Und verkniff sich ein Grinsen. Standen eh nicht so viele Infoboards auf seinem Berg rum.
»Vielleicht gibt es einen Grund dafür.« Dylan lehnte sich zurück. »Trotz der ganzen Transparenz und so. Ich glaube nicht, dass wir immer alles mitbekommen, was der Syntagische Rat so macht.«
»Stimmt. Aber ich finde, dass es definitiv nicht hilft, wenn ›besorgniserregende Auffälligkeiten‹ nicht öffentlich gemacht werden. Das lernen wir doch schon im Kindergarten.« Elani malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »›Zu viele Geheimnisse führen zu Misstrauen, und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis alle nur noch an sich selbst denken.‹ Ihr wisst schon.« Sie schüttelte den Kopf. »Also sollten wir doch alle ein Anrecht darauf haben zu erfahren, wenn es irgendwelche merkwürdigen Phänomene gibt.«
Milo nickte langsam. »Und vor allem, was für welche.«
»Konntest du nicht noch mehr sehen? Keine Orte, keine Details?«, fragte Dylan.
Elani schüttelte den Kopf. »Nur die Überschrift. Und die ersten zwei Worte darunter waren: ›Unsere Pflanzen‹. Um das Ganze blinkte dieser roter Rahmen.«
»Oje, Rot ist nie gut«, murmelte Dylan.
Milo strich mit seinen Fingern über seine Hosentasche, in der seine Steine lagen. Auffälligkeiten. Das könnte alles Mögliche sein.
Elani lehnte sich zurück und nahm ihren Ohrring mit dem tropfenförmigen Kristallanhänger ab. Dann zog sie ein Tabalun und eine kleine Schatulle aus der Innentasche von ihrem Cape hervor. »Ich hab mir heute früh noch das neueste Noma aus dem Infokasten beim Nachrichtenbaum geholt. Mal gucken, ob ich nicht doch irgendwo was entdecke.« Sie drückte das durchsichtige Infoharz aus der Schatulle auf ihren Kristall. Das Harz wurde biegsam und weich und innerhalb von ein paar Sekunden überzog es den kompletten Kristall, bis ihn eine dünne, glänzende Schicht umgab. So präpariert steckte Elani den Anhänger in die passgenaue Mulde oben auf ihrem Tabalun. Sie lehnte sich zurück und murmelte: »Das dauert jetzt bestimmt 'ne ganze Weile.«
Milo sah Dylan an. Dylan schaute zurück. Dann zuckte sie mit den Schultern, nahm sich einen Apfel aus ihrem Rucksack und polierte ihn an ihrer Hose.
Milos Magen knurrte.
»Unfassbar, Milo.« Dylan lachte laut auf und warf ihm auch einen Apfel zu.
Es klopfte. Die Schiebetür glitt auf.
Bilal, seit gestern Abend ihr offizieller Mentor, erschien im Türrahmen. »In einer Viertelstunde gibt's Mittagessen. Im Speisewagen, ganz vorne«, sagte er freundlich. Und dann: »Darf ich euch kurz was fragen?«
»Klar«, sagte Dylan.
Bilal kam herein und schloss die Tür hinter sich. »Habt ihr gestern bei der ersten Prüfung im Wald irgendwas Ungewöhnliches gehört?«
Elani legte ihren Kopf schief. Milo schüttelte den Kopf.
»Was meinst du damit?«, fragte Dylan.
Bilal strich mit den Händen über seine Oberschenkel.
»Wir kriegen manchmal so Rückmeldungen, dass im Wald merkwürdige Geräusche zu hören sind. Vor allem, wenn dort Challenges stattfinden.« Er lächelte. »Also dachte ich, ich frag einfach mal. Manchmal hören Menschen Dinge, die andere nicht hören. Oder sie nehmen Dinge anders wahr.« Sein Blick blieb an Milo hängen. »Ist dir vielleicht irgendwas aufgefallen, Milo?«
Milo kniff die Augen zusammen. Seine Hand wanderte ungewollt zu seinem Ohrläppchen, bevor er sie bewusst wieder sinken ließ. »Äh nee, also ich hab nichts Besonderes gehört«, sagte er.
Dylan und Elani schüttelten ebenfalls die Köpfe.
»Gut, gut.« Bilal nickte. »Und selbst wenn, es ist ja auch okay, wenn man was Besonderes … hört. Wahrnimmt.«
Milo schluckte. Er spürte die Blicke der anderen. »Ich hab nur Farb-Geruchs-Synästhesie«, hörte er sich sagen. »Gerüche haben für mich Farben. Und umgekehrt.«
Dylan lehnte sich vor. »Warte, echt jetzt? Also wenn du an Honig riechst, siehst du eine Farbe?«
»Nicht wirklich sehen. Ich weiß einfach, Honig ist Silber. Manchmal ist da was am Rand von meinem Blickfeld, aber naja.« Er zuckte die Schultern. »Ist schwer zu erklären.«
»Das ist so cool!« Dylan strahlte. »Können wir das mal –« Sie stoppte. Grinste, hob die Arme und streckte Milo ihre Achsel entgegen.
Milo musste lauthals lachen. »Ein Glück schmier ich mir zurzeit immer Minzsalbe unter die Nase«, prustete er.
»Ah, die dämpft alles ein wenig ab, oder? Nicht verkehrt für die Volantur, clever.« Elani tippte auf ihrem Tabalun. »Olfaktorisch-visuelle Synästhesie. Muss ich gleich mal recherchieren.«
Bilal drehte sich um und klopfte dreimal an den Türrahmen. »Alles klar. Wir sehen uns gleich beim Mittagessen, ja?«, sagte er. Dann schloss er die Tür und war weg.
Milo starrte ihm nach.
»Mein Bruder kann Farben durch Musik sehen. Also durch Töne. Ist das bei dir auch so?«, fragte Dylan.
»Nee«, murmelte Milo. »Nur Gerüche.«
Sie musterte ihn aufmerksam. »Hey. Alles okay?«
»Keine Ahnung.« Er schüttelte langsam den Kopf.
Elani sah von ihrem Tabalun auf. »Bilal interessiert sich für dich. Mehr als für uns andere.«
»Ja.« Milo sank tiefer in seinen Sitz. »Und das gefällt mir gar nicht.«
Drei Wochen später stand Milo vor einem Turm und fragte sich ernsthaft, wessen Idee das gewesen war.
Aus der Nähe war das riesige Gebäude noch beeindruckender. Die Kletterpflanzen, die sich um die Fassade wanden, waren dick wie Milos Unterarme, ihr Blätterwerk ein dichtes Geflecht aus Grün. Dazwischen schimmerten die Wasserrohre des Bewässerungssystems silbern im Mondlicht.
»Okay«, flüsterte Dylan. »Ich schick die Flöhe vor.« Sie zog die Lederrolle hervor und öffnete sie vorsichtig. »Wir müssen wissen, ob der Turm unbewacht ist«, murmelte sie ihrer Handfläche zu. »Und nicht ablenken lassen, klar? Vor allem du, Morgana.« Sie warf ihre Hand in Richtung des Turms und die Flöhe verschwanden in der Finsternis. Vermutlich. Milo konnte sie schon bei Tageslicht nur schwer erkennen.
Sie warteten.
Elani setzte sich auf einen niedrigen Felsstein und zog ihr Tabalun hervor. Sie regelte die Helligkeit runter und Milo sah den Grundriss des Turms auftauchen. Elani war einfach die beste Hackerin, die er je getroffen hatte. Naja, auch die einzige.
»Wisst ihr, was ich mich schon die ganze Zeit frage?« Dylan drehte sich zu den beiden anderen um. Elani blickte auf.
»Warum Gustav uns gestern zu dieser Höhle geschickt hat. Soweit ich das überblicke, gab's da weder komische Geräusche noch ungewöhnliche Lichter«, erklärte Dylan und schabte mit dem Fuß über den Sandboden.
»Stimmt schon, ich hab mich das auch gefragt«, antwortete Elani.
»Ja, ich auch«, meinte Milo. »Vielleicht wären wir doch besser nachts hingegangen«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.
»Ach, jetzt auf einmal«, sprang Dylan auf seine Provokation an. »Hab ich doch von Anfang an gesagt. Nachts ist auch das Leuchten – aua, Stopp, Houdini, ist ja gut.« Dylan reckte den Kopf in die Höhe.
Der Tanz der Flöhe auf Dylans Stirn dauerte ziemlich lang, dann fluchte sie leise.
»Was?«, fragte Milo.
»Da sind noch zwei Menschen. In der ersten Etage. Auf der Nordseite. Arbeiten wohl in einem Labor oder so was.«
»Ich dachte, hier ist niemand am Wochenende«, sagte Milo.
»Dacht ich auch.«
»Mist«, stellte Elani fest. »Das sind alles offene Etagen, ohne Wände und so was. Unbemerkt an denen vorbeizukommen wird schwierig.« Dylan nickte. »Aber wenn wir warten, bis die weg sind, kann das ewig dauern.« Sie ließ die Flöhe zurück in die Lederrolle hüpfen und verschloss sie sorgfältig.
Milo starrte den Turm an. Die zweite Etage lag ruhig im Dämmerlicht der lila schimmernden UV-Lampen. Eine verrückte Idee formte sich in seinem Kopf. »Wir könnten außen hochklettern«, sagte er.
Dylan hielt inne in ihrer Bewegung. »Das ist ein Witz«, sagte sie. »Oder?«
»Naja.«
»Milo. Ausgerechnet DU willst klettern?«
»Nur bis zur zweiten Etage.« Er deutete auf die verschlungenen Pflanzen. »Die Fassade ist voll mit Ranken und dicken Wurzeln, da müsste man sich doch eigentlich gut dran festhalten können.«
Elani erhob sich, die Augen auf die Fassade gerichtet. »Vertical Gardening«, murmelte sie. »Das Bewässerungssystem ist vermutlich ziemlich engmaschig. Die Wasserrohre laufen senkrecht und waagerecht über den ganzen Turm.« Sie drehte sich zu ihnen um. »Könnte tatsächlich gehen.«
Milo grinste Dylan an. »Kein Schatz ohne Regenbogen. Oder nicht?«
Dylan schob die Lederbox auf ihren Rücken und schüttelte den Kopf. »Ihr seid vollkommen verrückt, alle beide. Das wisst ihr, oder?«
»Ist das ein Ja?«, fragte Elani und steckte ihr Tabalun ein.
»Jaaa.« Dylan holte tief Luft. »Aber wenn ich abstürze und sterbe, suche ich euch als Geist heim. Für immer. Und ich werde dabei Ukulele spielen. Extra schlecht.«
Sie liefen geduckt los, dicht hintereinander.
An der Südseite des Turms hielten sie an. Milo schaute nach oben. Aus der Nähe betrachtet war es doch ganz schön hoch. Er griff in das Gebüsch an der Mauer und tastete nach der ersten, stabilen Schlingpflanze. Sie fühlte sich kühl und rau an unter seinen Fingern.
Er wischte seine Hand an der Hose ab. »Bisschen feucht vom Nachttau, aber …«, flüsterte er den anderen zu und legte den Kopf schräg. »Aber könnte gehen.«
Er schob seine Hand wieder in das Geäst und begann sich hochzuziehen. Fand den nächsten Halt. Und den nächsten.
Dylan und Elani kletterten ebenfalls los und folgten ihm.
Langsam kamen sie voran. Stück für Stück.
Eine Viertelstunde später wusste Milo wieder: Klettern war wirklich nichts für ihn. Seine Unterarme brannten. Seine Finger krampften sich um die Ranken, und jeder Muskel in seinem Körper protestierte. Die Pflanzenstängel waren doch rauer, als sie aussahen. Kleine Dornen und Unebenheiten schabten über seine Haut.
Er schaute runter und fand, dass der Boden eindeutig zu weit weg war. Die Sträucher sahen aus wie Spielzeug. Ein Schwindel erfasste ihn kurz, und seine Finger krampften sich so fest um den Büschel Zweige, dass sich Splitter in seine Handflächen bohrten. Schnell hob er den Kopf und suchte den nächsten Halt. Er ignorierte die Schmerzen und konzentrierte sich nur auf den nächsten kleinen Ast, die nächste Verstrebung, den nächsten halben Meter.
Rechte Hand. Linker Fuß. Linke Hand. Rechter Fuß.
Irgendwo unter ihm scharrten Schuhsohlen auf Holz. Dylan stöhnte. Grummelte Flüche. Dann entfuhr ihr ein erstickter Laut.
Milo wirbelte herum. Dylans Körper schwang hin und her, wie ein Pendel. Sie hing nur noch an einer Hand, ihre Finger krallten sich um eine Wurzel.
»Dylan!« Elanis Stimme war gepresst, heiser.
Ohne nachzudenken, ließ Milo eine Hand los und griff nach ihr. Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk. Er hielt sie. Gerade so.
Sein Schultergelenk brannte. Die Ranke, an der er sich festhielt, schnitt in seine Handfläche. Dylans Füße fanden keinen Halt, also versuchte sie, sich mit ihrem freien Arm an Milo hochzuziehen. Aber ihre Hand rutschte an seinem Unterarm ab.
Einmal. Zweimal.
»Ich kann mich nicht festhalten«, keuchte sie. Ihre Stimme klang fremd. Klein.
»Doch.« Milo kniff die Augen zusammen und hielt sie fest. »Nicht. Loslassen.«
»Ich helfe euch!«, rief Elani von weiter links.
Milo hörte es, bevor er es fühlte. Syntagie. Ein leises Surren und die Luft um sie herum wurde dichter, drückte von unten gegen Dylans Körper. Nicht viel. Aber genug, um das Gewicht an seinem Arm ein kleines bisschen zu verringern. Eine Erinnerung blitzte auf. Pepper, sein Alpaka, prallte gegen eine unsichtbare Mauer und schaute ihn vorwurfsvoll an.
»Jetzt!«, rief Elani mit gepresster Stimme. »Versuchs nochmal!«
Dylan holte Luft, schwang sich hoch. Diesmal kam sie höher und ihre Finger fanden Halt an Milos Oberarm. Sie krallte sich fest. Ihre Nägel bohrten sich durch den Stoff.
»Dylan. Rechts über dir«, presste Elani hervor, ihre Stimme angespannt vor Konzentration. »Da ist eine Verstrebung.«
»Ich seh sie.« Dylans Stimme war dünn, aber sie riss sich zusammen.
Das Pendeln ihrer Beine verlangte Milo alles ab. Er presste die Zähne zusammen. Biss sich auf die Zunge und schmeckte Blut. Dann spürte er, wie das Gewicht an seinem Arm leichter wurde. Dylans Fuß hatte Halt gefunden.
Sie zog sich hoch, ihre Hand löste sich von seinem Oberarm. Morgen würde er blaue Flecken haben, fünf kleine Halbmonde.
Dylan tastete nach einer Wurzel neben seinem Ellbogen. »Kannst loslassen«, flüsterte sie.
Milo lockerte langsam den Griff um ihr Handgelenk und schwang seinen Arm nach oben. Zu der Ranke, die sich während der ganzen Aktion glücklicherweise keinen Millimeter bewegt hatte.
Einen Moment lang standen sie einfach da. Atmeten. Milos Herzklopfen ließ nach.
»Ich hatte eine Scheißangst«, flüsterte Dylan.
»Verständlich.« Seine Stimme zitterte fast so sehr wie sein Arm. »Hattest ja nicht mal die Ukulele dabei. Da hätte ich dir ja den ganzen Spuk-Spaß verdorben.«
Dylan schüttelte leicht den Kopf, aber er konnte sehen, wie sich ein kleines Grinsen auf ihr Gesicht stahl.
»Alles gut bei euch?«, fragte Elani leise, ihre Stimme vibrierte leicht. »Könnt ihr weiter?«
Milo holte Luft. Seine Arme fühlten sich an wie Gummi. Zum Glück war die zweite Etage nur noch wenige Meter entfernt. »Ja. Ist auch nicht mehr so weit«, antwortete er.
Sie kletterten wieder los. Vorsichtiger jetzt.
Endlich erreichten sie die zweite Etage. Zwischen den dicht verwobenen Schlingpflanzen gab es kleinere Lücken. Stellen, an denen das Vertical-Gardening-System bewusst Öffnungen ließ, um Licht und Luft ins Innere zu lassen. Milos Finger schoben Blätter beiseite, fuhren über kühle Wurzelstränge, dicke Blätter. Dann ertastete er eine Öffnung. Wirkte groß genug. Er spähte hinein und wartete einen Moment, lauschte. Nichts.
»Hier oben«, flüsterte er. »Kommt.« Er schob sich durch das Dickicht, die Zweige streiften über sein Gesicht. Dann war er drin.
Seine Füße berührten den Boden und seine Beine gaben sofort nach. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Keuchend sank er gegen die Wand.
Dylan und Elani folgten seinem Beispiel.
Ein Stück weiter ragte ein dunkles Loch aus dem Boden. Der Aufzugschacht, der alle Etagen miteinander verband. Irgendwo unter ihnen mussten noch die Mitarbeiter der Kristallfabrik sein.
»Nie wieder«, sagte Dylan kaum hörbar. Sie lag flach auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt. Ihr Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell. »Hört ihr? NIE. WIEDER.«
»Siebenundvierzig Prozent«, murmelte Elani neben ihr.
»Was?«
»Die Absturzwahrscheinlichkeit lag ungefähr bei siebenundvierzig Prozent.«
Keiner antwortete. Milo konnte förmlich hören, wie Dylan mit ihren Augen rollte. Sein Atem beruhigte sich langsam.
Dylan setzte sich auf. »Danke. Echt«, sagte sie leise. »Euch beiden.«
Milo nickte. Er betrachtete die Schürfwunden auf seinen Knöcheln. Sein Blick wanderte höher. Zu den fünf kleinen Halbmonden auf dem Oberarm, wo Dylans Nägel gewesen waren.
Er hatte sie gehalten. Das stimmte. Aber er hatte auch gespürt, wie sein Arm nachgab. Wie das Gewicht zu viel wurde. Ohne den Luftteppich von Elanis Syntagie, ohne diesen kleinen, unsichtbaren Schubs von unten, wäre Dylan womöglich gefallen.
Milos Hand schob sich wie von selbst in seine Hosentasche. War das also seine Rolle? Festhalten bis jemand anderes das Entscheidende tat?
Seine Finger strichen über die zwei Steine. Einer rund und glatt, der andere kegelförmig und immer noch ein wenig spitz. Vielleicht war das die falsche Frage. Vielleicht war es auch egal.
»Also«, meinte Elani und zog das A etwas länger, als ob sie noch nicht sicher war, ob sie wirklich aussprechen wollte, was ihr durch den Kopf ging. »Ich finde, wir sollten Dylans gestrigen Vorschlag annehmen. Dann nennen wir uns halt ›Die drei Blattläuse‹. Passt ja gerade irgendwie auch.« Sie zupfte ein längliches Blatt von ihrem Cape.
Dylan quiekte erfreut und Milo sah erschrocken zu dem Schacht in der Mitte der Plattform. Dylan schlug sich schuldbewusst die Hand vor den Mund, aber ihre Augen funkelten immer noch. Leise fügte sie hinzu: »Dass ich das noch erleben darf, Elani nimmt einen meiner Vorschläge an.« Sie grinste breit.
Elani wollte protestieren, aber Dylan war schon aufgestanden und klopfte sich leise den Staub von der Hose.
Milo erhob sich und spähte zu dem dunklen Loch vor ihnen. Gegen seinen Willen musste er grinsen. Siebenundvierzig Prozent. Bestimmt hatte Elani auch schon errechnet, ob sie das ominöse Projektorbecken finden würden. Falls sie es ungesehen ganz nach oben zur Sternwarte schafften.
Ein langgezogenes Knarren ertönte.
Ihre Köpfe fuhren herum.
Milo sah, wie sich der Schacht langsam erhellte. Neben sich hörte er Dylan nach Luft schnappen. Er drehte den Kopf.
Ein Lichtstrahl fiel auf ihr Gesicht.
Seine Brust schnürte sich bei ihrem Anblick zu.
Dylans Wangen waren aschfahl geworden und sie starrte unverwandt an die Decke. Er wusste nicht genau, was der Ausdruck in ihren Augen bedeutete. Aber er wusste, dass er ihn noch nie bei ihr gesehen hatte.
Dylan, die unerschrockene Zirkustochter, hatte Angst.
Und das war gar nicht gut.
Infoharz
Ein durchsichtiges Harz, in dem Informationen gespeichert werden können. Mithilfe eines Kristalls lassen sich diese über ein Tabalun oder Projektorbecken abrufen.
Kristall
Ein persönlicher Begleiter, dessen Farben Hinweise auf den körperlichen und mentalen Zustand seines Trägers geben – sowohl für die Person selbst als auch für andere. Daraus müssen jedoch keine bestimmten Konsequenzen folgen.
Panelima
Die Insel, auf der Milo, Dylan und Elani leben.
Primus-Interrete
Ein Informationsnetzwerk, das speziell für Kinder und Jugendliche zugänglich ist.
Projektorbecken
Eine technische Einrichtung, mit der gespeicherte Inhalte sichtbar gemacht werden können.
Synästhesie
Ein Wahrnehmungsphänomen, bei dem die Reizung eines Sinnes automatisch eine zusätzliche Wahrnehmung in einem anderen Sinn auslöst. So können beispielsweise Töne als Farben wahrgenommen oder Farben mit bestimmten Gerüchen verbunden werden.
Syntagie
Eine erlernbare Fähigkeit, mit der Menschen natürliche Vorgänge wahrnehmen und sanft beeinflussen können. Es gibt drei Formen:
– Luftsyntagie wirkt auf Luft, Strömungen und Druck.
– Lichtsyntagie wirkt auf Energie, Wärme und Licht.
– Vitalsyntagie wirkt auf lebende Systeme wie Pflanzen, Tiere und Menschen.
Syntagischer Rat
Das Ordnungs- und Aufsichtsgremium von Panelima.
Tabalun
Ein tragbares digitales Gerät, das unter anderem zur Kommunikation, Navigation und Informationssuche verwendet wird.
Volantur
Eine dreimonatige Orientierungs- und Ausbildungsreise für Jugendliche auf Panelima. Dabei lernen sie unterschiedliche Tätigkeiten und Lebensbereiche kennen und finden mehr über ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen heraus.